In etwa die Masse eines Tennisballs hat unser Gehirn in den letzten 200.000 Jahren verloren. Wer sich jetzt verwundert an den Kopf greift und Sorgen um verlorene Hirnkapazität macht, der sei beruhigt: Albert Einsteins Gehirn wog mit 1230 Gramm etwas weniger als der heutige männliche Durchschnitt. 

Leichte graue Zellen machen uns also nicht dümmer. Aber was ist der Grund dafür, das wir heute deutlich lernfähiger sind als die Neandertaler? Und was können wir daraus für die berufliche Bildung lernen?

Enten und Neuronen

Verglichen mit einer Mandarinente kommen wir Menschen ziemlich unfertig zur Welt. Kaum geschlüpft verlassen deren Küken das elterliche Nest und suchen sofort das nächste Gewässer. Das Besondere dabei: die Brutstätten der Enten liegen nicht selten auf zehn Metern Höhe.

Unserem Nachwuchs bleibt der Sturz aus dem Nest glücklicherweise erspart. Dennoch kann ein Mensch mit den Fähigkeiten der Mandarinenten direkt nach der Geburt nicht mithalten. Der Grund dafür: Das Kind wird schlicht zu groß und hat einen zu hohen Nahrungsbedarf, um länger im Bauch der Mutter zu bleiben.
Zur Welt kommen wir mit rund einer Milliarde Neuronen, die allerdings noch wenig verknüpft sind. Bereits im ersten Jahr bauen wir so viele Neuronenverbindungen auf, dass unser Gehirn dreimal schwerer wird.

Vom selbstständigen zum kooperativen Lernen

Zu Beginn lernen wir weitestgehend selbstständig. Dieses Trial & Error Verhalten lässt sich bei Kleinkindern gut beobachten. Jeder weiß, wie sehr sich die Kleinsten für die grundlegenden Regeln der Physik begeistern können, wenn sie einen Baustein immer und immer wieder fallen lassen.

Eine besondere Rolle bei den Lernprozessen im Kleinkindalter nimmt die Sprache ein. Die Lernprozesse bekommen einen deutlichen Boost, wenn sich Kinder verständigen, soziales Verhalten erlernen und gemeinsam Neues entdecken.

Der positive Effekt der Sprache auf das Lernverhalten lässt sich auch bei unseren Vorfahren beobachten. Die Möglichkeit zur Kommunikation war entscheidend für eine erfolgreiche Jagd. Das üppigere Nahrungsangebot wirkte sich in der Folge positiv auf die weitere Gehirnentwicklung aus.

Wir lernen nie aus

Gute Nachrichten für alle Bildungsverantwortlichen: Auch wenn wir nie wieder in unserem Leben so schnell so viel Lernen wie in den ersten drei Lebensjahren, bleibt unser Gehirn bis ins hohe Alter lernfähig. Aus der frühkindlichen Entwicklungsphase können wir sogar einiges mitnehmen, das uns bei der beruflichen Bildung hilft.

Begeisterung ist ansteckend

Zitat: Nur wer sich konkrete Vorteile erhofft, kann sich für ein Thema wirklich begeistern.

Auch wenn wir als Erwachsene deutlich seltener in einen Zustand der absoluten Begeisterung und Faszination kommen als unser Nachwuchs, hilft dieser dennoch beim Lernen. Begeistert uns etwas, schüttet unser Gehirn eine Menge Botenstoffe aus, darunter das gemeinhin als „Glückshormon“ bezeichnete Dopamin. Es sorgt aber nicht nur für gute Stimmung, sondern bewirkt eine langfristige Motivationssteigerung.

Für das Arbeitsleben bedeutet das konkret: Begeistern Sie Ihre Mitarbeiter oder Seminarteilnehmer für Ihr Thema. Dabei helfen Kollegen oder Dozenten, die von der Materie begeistert sind. Wer selbst von etwas fasziniert ist, steckt andere damit an.

Machen Sie Ihren Mitarbeitern oder Seminarteilnehmern außerdem klar, welche ganz konkreten Vorteile die neuen Lerninhalte für sie haben. Nur wer sich konkrete Vorteile erhofft, kann sich für ein Thema wirklich begeistern. Dabei sollten sie aber die Finger von phrasenhaften Vorteilslisten lassen. Der individuelle Nutzen ist – wie der Name schon verrät – bei jeder Person vollkommen unterschiedlich. Geben Sie stattdessen Raum für eine eigenständige Reflektion, was sich Ihre Lernenden vom neuen Wissen erhoffen.

Im Team erkennt man Lücken

Ein Lernimpuls kann auch von einer banal klingenden Ursache ausgelöst werden: wir müssen wissen, dass wir etwas nicht wissen. In der Wissenschaft spricht man hierbei von bewusster Inkompetenz. Wenn uns die eigenen Wissenslücken bekannt sind, können wir uns gezielt neues Know-how aneignen.

Schaffen Sie deshalb Raum für bewusste Inkompetenz. Nutzen Sie dafür Personalgespräche oder gestalten Sie einen regelmäßigen Austausch Ihres Teams. Vielleicht weiß die Kollegin ja über Fachthemen Bescheid, von denen Sie noch nie gehört haben. Die passende Weiterbildung ist dann nur noch Formsache.

Der ganze Vortrag als Video

Über viele weitere Erkenntnisse aus der Hirnforschung für die berufliche Bildung habe ich in meinem Vortrag auf der easySoft Anwenderkonferenz berichtet. Schauen Sie gern rein.

Weitere Beiträge zum Thema finden Sie außerdem auf meinem Blog bildungsmanagement.guru. Ich freue mich, wenn Sie vorbeischauen und beantworte Ihnen gern Ihre Fragen in den Kommentaren.

Über die Autorin

Portrait von Dr. Anne Wagenpfeil

Dr. Anne Wagenpfeil promovierte mit dem Thema „Qualität im betrieblichen Bildungsmanagement“. Aktuell ist sie als Projektleiterin in der Unternehmens- und Personalstrategie sowie als Coach und Dozentin tätig. Sie war fünf Jahre lang Leiterin des Deutschen Bildungspreises und setzte in verschiedenen Unternehmen zahlreiche PE-Maßnahmen um.