In der betrieblichen Weiterbildung scheint weniger oft mehr zu sein. Stichwort: Microlearning. Hier wird Wissen kontinuierlich, dafür aber nur in winzigen Portionen vermittelt. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es für diese Vorgehensweise gute Gründe. Und dank digitaler Hilfsmittel ist Microlearning auch sehr gut in den Arbeitsalltag integrierbar.

Goldfische können sich länger konzentrieren als Menschen

Die Aufmerksamkeitsspanne vieler Menschen ist kaum größer als die von Goldfischen. Das ist leider kein Witz! Zu dieser Erkenntnis kommt eine Studie von Microsoft Canada. Ihr zufolge soll die einstige durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne von 12 Sekunden seit dem Jahr 2000 auf acht Sekunden gesunken sein. Im Vergleich dazu können sich Goldfische angeblich ganze neun Sekunden ohne Unterbrechung auf etwas fokussieren.

Schuld tragen laut Studie die digitalen Medien. Der Tenor: Je öfter und länger eine Person im Internet surft und je umfangreicher jemand soziale Medien nutzt, desto schwieriger wird es für ihn, sich intensiv auf eine Aufgabe oder Tätigkeit zu fokussieren. Letztlich konditionieren wir uns also selbst zu einer verkürzten Aufmerksamkeitsrate, indem wir im Rekordtempo durch Newsfeeds scrollen, Nachrichten nur noch nebenbei wahrnehmen und viele davon zeitgleich. Bis zu dieser Stelle mag der Vergleich mit dem Goldfisch ja noch zum Schmunzeln anregen.

Halbwertszeit von Bildung: Im Sturzflug

In Kombination mit dem Wissen aus der Studie „Human Capital Trends“ dürften so manchem Arbeitnehmer aber die Mundwinkel herabfallen. Sie belegt nicht nur, dass eine kontinuierliche Aufnahme von Wissen immer wichtiger wird, sondern auch, dass Wissen immer schneller aufgenommen werden muss. Reichte früher eine Ausbildung aus, um mit seinem Know-how ein Leben lang auszukommen, müssen sich Arbeitnehmer heute auf lebenslanges Lernen einstellen.

Auch das ist eine Auswirkung der Digitalisierung: Technik und Computeranwendungen verändern sich immer rasanter und Arbeitnehmer müssen sich kontinuierlich mit neuen Programmen oder Programmupdates vertraut machen.

Gleichzeitig müssen sie ihr berufliches Fachwissen permanent erneuern. Denn die Digitalisierung führt zu einer konstanten inhaltlichen Verschiebung in der Arbeitswelt. Mit jedem Programmupdate verschieben sich Aufgabenbereiche ein bisschen mehr: Während der Computer immer mehr Routinetätigkeiten übernimmt, kümmern sich Humanressourcen immer stärker um kreative und strategische Inhalte. Sie vollziehen damit sukzessive den Wandel vom Routinearbeiter zum Wissensarbeiter.

Personalentwicklung: Eine Herausforderung für Unternehmen

Halten wir also fest: Der Bedarf an betrieblicher Weiterbildung steigt und steigt, während die Konzentrationsfähigkeit eines Arbeitnehmers inzwischen unterhalb der eines Süßwasserfisches liegt. Wie sollen Arbeitgeber ihr Personal unter diesen Umständen künftig angemessen entwickeln?

Keine Sorge. Ganz so dramatisch ist die Lage dann aber doch nicht. Es gibt Möglichkeiten, dem Dilemma zu begegnen. Stichwort: Microlearning. Dabei geht es um eine möglichst kurze und effiziente Vermittlung neuer Wissensinhalte, die so klein sind, dass weder der Goldfisch ins Schleudern kommt, geschweige denn der Mensch.

Was ist Microlearning?

Was sich zunächst wie ein Tropfen auf den heißen Stein anhört, funktioniert ganz vortrefflich. Mehr noch: Viele Arbeitnehmer haben Microlearning sogar bereits fest in ihren Alltag integriert, ohne es zu wissen.

Jede Konsultation der Suchmaschine Google ist zum Beispiel Microlearning. Der Suchende verschafft sich binnen Sekunden handfestes Wissen und tilgt so bestehende Lücken. Auch jeder Chat mit einem Kollegen, jede E-Mail oder jeder Flurtalk, der zur Lösung eines Problems beiträgt oder neue Erkenntnisse bringt, fällt unter Microlearning.

Unstrukturiertes und strukturiertes Microlearning

Zugegeben, hierbei handelt es sich eher um unstrukturiertes Microlearning. Innerhalb der betrieblichen Weiterbildung kann Microlearning aber auch sehr gezielt eingesetzt werden. Etabliert haben sich etwa kurze Videotutorials, Podcasts oder zugespitzte Blogbeiträge zu bestimmten Fachthemen.  Auch firmeninterne Wikis, Corporate Social Networks oder interne Wissens-Foren sind im Kommen.

Eine immer zentralere Rolle beim Microlearning nimmt zudem der Einsatz mobiler Endgeräte ein. Auszubildende können sich zum Beispiel über eine speziell entwickelte Smartphone-App betriebsrelevantes Wissen verfügbar machen, wenn sie es gerade brauchen. So haben Lehrlinge oder Trainees relevante Informationen, die sie inhaltlich weiterbringen, immer griffbereit.

Microlearning wird mobil

So mancher Anbieter von Microlearning-Formaten versucht, den Lerneffekt zu verstärken, indem er Mechaniken aus Computer- und Gesellschaftsspielen integriert, sodass ein spielerischer Lernprozess mit Spaßfaktor zustande kommt. Es besteht auch die Möglichkeit, den Wettbewerbsgedanken unter den Lernenden zu stärken. Zum Beispiel durch besondere Auszeichnungen für Lernfortschritte.

Experten sind sich einig: Neben anderen abwechslungsreichen Lernformaten hat Microlearning das Potenzial, das Wissen der einzelnen Mitarbeiter aktuell zu halten. Auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer kommen zunehmend auf den Geschmack. Das legt jedenfalls die eLearning BENCHMARKING Studie 2018 nahe. Ergab sich vor zwei Jahren in punkto Microlearning noch ein eher ernüchterndes Bild, hat sich das spürbar gewandelt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich insbesondere mobile Lern-Applikationen auf dem Weg der Etablierung befinden.

Microlearning setzt sich durch

Offenbar haben sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer die entscheidenden Vorteile von Microlearning erkannt: Es überlastet das Gehirn nicht mit einer Fülle von Informationen, die es möglicherweise in Teilen gar nicht braucht, sondern versorgt es nur mit den Inhalten, die wirklich relevant sind. Unter diesen optimalen Bedingungen ist die Chance groß, dass sich die Aufmerksamkeitsspanne überdurchschnittlich ausdehnt. Sorry, Goldfisch – doch nicht gewonnen.