In Deutschland fehlen 250.000 Pflegekräfte. Wir erleben einen hausgemachten Pflegenotstand“. Das sagte Rolf Höfert, Geschäftsführer des Deutschen Pflegeverbands, kürzlich dem Blogger Christian Cuypers von Der-Pflegebibel.de. Eine aktuelle Studie des Institut Krämer Marktforschung kommt zu dem Ergebnis, dass vier von fünf Pflegekräften ihre Berufswahl wiederholen würden. Sogar 96 Prozent aller Befragten sind grundsätzlich mit ihrer Arbeitsstelle zufrieden. Das wundert den gelernten Krankenpfleger gewaltig: „Dieses Ergebnis deckt sich nicht mit den Erfahrungsberichten, die uns zugetragen werden“. Er zieht zudem eine Studie der FH Münster aus dem Jahr 2011 heran. Demnach sind gerade die Hälfte der Interviewten mit ihrem Arbeitsplatz „alles in allem“ zufrieden. Bemängelt wurden vor allem die Arbeitsbedingungen in der Pflege.

Die Probleme mit dem Arbeitsalltag bestätigt die aktuelle Studie, die im Auftrag der Asklepios Kliniken erstellt wurde: Rund zwei Drittel der Befragten schätzen die körperlichen und emotionalen Belastungen in ihrem Job als zeitweise hoch ein. Um den täglichen Stress zu minimieren und mehr Zeit für ihre Patienten haben, wünschen sich sieben von zehn Teilnehmern mehr Kollegen im Team.

Thomas Wolfram, Geschäftsführer und Sprecher der Asklepios Kliniken Hamburg, kritisiert „dass Pflegekräfte in deutschen Kliniken im Vergleich mit den anderen OECD-Ländern deutlich mehr Patienten betreuen“. Die damit verbundene hohe Arbeitsverdichtung sei Folge der chronischen Unterfinanzierung seitens der Länder und der Kostenträger.

Ähnlich hörte man auch auf dem Kongress Pflege Ende Januar: „Es gibt oft keinen Fachkräftemangel, sondern es gibt nicht genügend Stellen“. Regional kann das allerdings anders aussehen. Beispielsweise in Grenznähe zur Schweiz. Wer für die gleiche Arbeit bei den Eidgenossen beinahe das Doppelte eines deutschen Kollegen bekommt, der nimmt auch längere Anfahrtswege in Kauf.
Schwierig wird die Situation auch für Personaler von Kliniken und Pflegeheimen im Osten der Republik bleiben: Die Alterspyramide ist viel dramatischer als in den anderen Bundesländern. Denn während die älteren Menschen in ihrer Heimat bleiben, finden jüngere Menschen berufliche Herausforderungen eher im Westen.

Kreativität ist deshalb von Arbeitgebern gefordert, wenn die Arbeit in der Pflege attraktiver werden soll. Zum Beispiel in einer kleinen Klinik im ägyptischen Naqada. Über Jahre zogen Pflegekräfte nach Kairo. Grund war oft, dass die Kinder der Angestellten in die höhere Schule wechselten und damit zu lange Fahrzeiten verbunden waren. Seit die Klinik einen Fahrer eingestellt hat, der die Schüler fährt, ist die Fluktuation des Personals gesunken. Es gibt einen Wettbewerb um die Pflegekräfte die Personalleiter müssen Wünsche und Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter erfragen und sich etwas einfallen lassen.

An einer deutschen Pflegeeinrichtung ist es etwa üblich, dass die Partnerin einen Blumenstrauß bekommt, wenn ein Mann einen Arbeitsvertrag unterschreibt. Dadurch hat sich die Kündigungsquote während der Probezeit reduziert. Offensichtlich bekommen die Angestellten mehr Unterstützung von ihren Partnerinnen und bleiben zuversichtlicher. Mit der Zeit werden die Arbeitsabläufe klarer und die Kontakte mit den Kollegen vertiefen sich. Der Neue fühlt sich dadurch heimischer und verbundener. Und: Kündigt wesentlich seltener. So ein Blumenstrauß von Fleurop kostet dagegen bestenfalls 50 Euro. Durch kleine, ernstgemeinte Gesten, kann man also Pflegekräfte für sich gewinnen, denn sie sind meist Beziehungsmenschen.

Jeder weiß, dass ungleich aufwändiger ist, einen Neukunden zu gewinnen, als mehr Umsatz mit einem überzeugten Bestandskunden zu machen. Das Gleiche gilt für das Personal. Die Kosten für Stellenausschreibung, Personalauswahl, womöglich mit Unterstützung eines Headhunters sind hoch. Dann ist der neue Mitarbeiter während der Einarbeitungszeit wenig produktiv und statistisch verlässt er die Einrichtung bereits nach drei Jahren. Viel interessanter als Mitarbeitergewinnung, ist für Kliniken deshalb die Menschen zu halten, die wir bereits haben. Manchmal führt ein Korb mit frischem Obst und freie Getränke zu einer veränderten Stimmung. Von echter Wertschätzung seitens der Führungskräfte ganz abgesehen.

Weiterbildung und Personalentwicklung sind ebenfalls wichtige Instrumente der Mitarbeiterbindung. Doch viel entscheidender als ein breites Angebot einer hauseigenen Akademie ist die individuelle Zielsetzung. Wenn die Reinigungskraft, die bisher in Lagerräumen arbeitet, sich weiterentwickeln will, muss man klären, wohin sie will. Denn für die Reinigung der Kantine inklusive Kaffee- und Getränkeautomaten sind bestimmte Hygieneschulungen vorgeschrieben. Ganz andere Weiterbildungen sind notwendig, wenn sie auf die Intensivstation will. Entsprechende Software zur Personalentwicklung hilft, den Bildungsweg im Blick zu behalten: Welche Kurse sind bereits absolviert? Welche sind noch nötig? Eine pauschale Weiterbildung würde ihr in diesen Fällen nichts bringen und den Arbeitgeber unnötig Geld kosten.

Dich nicht alle Pflegekräfte sind an Weiterbildung interessiert sind: 38 Prozent machen lediglich ihre Pflichtseminare. Personaler müssen davon wegkommen, dass alle Menschen gleich sind und gleich behandelt werden müssen. Beispielsweise werden oft vor allem schlechte Mitarbeiter gefördert und der Effekt ist gering, weil viele nicht wollen. Wesentlich mehr Potential schlummert bei den so genannten B-Mitarbeitern, die eben ihren Job machen, ohne top zu sein. Wir müssen die Richtigen fördern und dazu müssen Personalgespräche geführt werden, in denen es um berufliche Ziele und den Weg dorthin geht.

Wichtig ist allerdings auch die Transparenz: Trotz Aushang, Broschüren und Intranet erfahren viele Pflegekräfte nichts von Bildungsangeboten – bis zu 80 Prozent des Klinik- und Pflegepersonals hat keinen Zugriff auf einen Computer. Oft ist es zudem sinnvoll, dass Gespräche über die Personalentwicklung nicht mit dem direkten Vorgesetzen geführt werden. Denn möglicherweise will der Mitarbeiter mittelfristig den Job seines Vorgesetzen oder seine Karriere entwickelt sich auf einer anderen Station weiter. Beides würde dem direkten Vorsetzten nicht gefallen.